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Nachruf auf Peter Gilles

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Floating Piers:
Der Ausflug mit unserem Förderverein

Rabenschwarz in Bamberg:
Das Kunstprojekt unterwegs

2015: Das Haar in der Suppe –
Il pelo nell’uovo

2014: Die Geister, die ich rief –
Spiriti evocati

2013: Kangaroo –
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2011: Quergänger –
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2010: Il Sogno Segreto –
Der geheime Traum

2009: Paradies – der dreizehnte Gesang

2008: Tabula rasa

2007: Disgelo – Eisschmelze

2006: Humilitas – Mut und Demut

2005: Il Ponte del Diavolo
Teufelsbrücke

2004: È bella la Bestia?

2003: Die Versuchung des heiligen Antonius

2002: Hic sunt Leones

Eine Art Chronik

von Birgit Kahle

Diese Chronik ist dem Werk „Lo Spirito del Lago – Isola Bella: 2003 / Die Versuchung des hl. Antonius” entnommen, das zum Preis von EUR 15,00 zuzügl. Verpackungs- und Versandkosten über die Geschäftsstelle des Vereins erhältlich ist.

Juli 1995

Abenddämmerung am Lago Maggiore. Ein Balkon auf der Isola Bella. Der Blick geht über das Wirrwarr ziegelroter Dächer bis hin zum Palast. Das letzte Schiff des Tages nimmt Kurs auf Stresa. Pfauen schreien im Schlosspark, ansonsten kaum mehr ein Laut. Dann ein Flügelschlagen, etwas Schwarzes flattert, und da hockt der Rabe auf dem Geländer. Mit schräggelegtem Kopf mustert er den Mann, der ruhig auf dem Balkon sitzt. Sie sehen sich an – einen kurzen Moment oder einen langen Moment – was ist Zeit? Der Rabe trippelt näher und setzt sich auf die Schulter des Mannes.

Sommer 1995

Der Rabe ist der ständige Begleiter des Mannes. Sie gehen zusammen spazieren, sie treffen Menschen, Bewohner der Insel, einen Schlossverwalter, einen Hotelier, eine Principessa, einen Künstler, einen Kunstsammler. Einen Sommer lang Gespräche. Rabe, Isola Bella, Kunst, Rabe, Kunst, Kunst, Kunst.

August 1996

Ein Restaurant mit zweihundert Sitzplätzen, hell erleuchtet aber leer bis auf einen Tisch, an dem einige Freunde sitzen. Es ist Abend. Ein Gewitter zieht herauf. Ein starker Wind lässt die alten Scheiben in den Terrassentüren erbeben, die Blitze kommen näher und entladen sich über der Insel. Regenböen peitschen über die Terrassen. Die Wellen des Sees brechen sich an den barocken Mauern des Palastes. Ein Blitz fährt in den Turm der Inselkirche, ein gewaltiger Donnerschlag, es wird dunkel im Restaurant. Stille. Sachtes Atmen, verhaltene Gesten. Einzelne Worte fallen. Was mag jetzt in den leeren alten Hotelzimmern vor sich gehen, drei Treppen höher? Ist es der Geist des Sees, der heute Abend dort oben die verstaubten Kristallüster zum Klirren bringt? Ist es der Geist des Sees, der die Herausforderung ausspricht? Die nächsten Bewohner dieser Räume über dem Lago Maggiore werden Kunstwerke sein.

April 1997

Die Eröffnung der neuen Ausstellungsräume auf der Isola Bella. Inseln erreicht man nur mit einem Schiff. Wenn ein solcher Sturm tobt, dass der See meterhoch über die Ufer schlägt, kommt man zwei Stunden zu spät zur eigenen Vernissage, weil kein Schiff fährt. Der Geist des Sees ist auch ein Widersacher.

Juli 1997

Ein Kunstlaboratorium bedeutet Experiment, Risiko, Forschung. Vor der zweiten erweiterten Ausstellungseröffnung: kilometerlange Fußmärsche zu einem Steinbruch, um ein Dutzend barocker Treppenstufen auf rosa Granit geschenkt zu bekommen. Akzeptieren, dass sich in einer Installation zehn Kilo Salz verflüssigen, weil die alten Fischerhäuser feucht sind.

„L'occhio nudo“, das nackte Auge.

Milo Sacchi findet sein Material auf Autobahnen und in Schlachthöfen. Umgestaltete Tierkadaver bevölkern seinen Raum. Der Schrei der Kreatur ist auf immer in seinen Skulpturen erstarrt.

Sommer 1998

Der Geist des Sees schlägt Wellen &8211; auch in den Medien. Die ersten Zeitschriften berichten. Ein Fernsehteam zur Eröffnung.

Jack Sal benötigt zweihundert Meter gebrauchte Schiffstaue. Viele Fahrten zu allen Werften am See. „Amore e dolore“, die Liebe zu dieser Insel ist auch der Schmerz des Nichtverstehens.

Oliver Jordan besuchte ein Jahr zuvor den Palast –, gebaut für eine Frau – und war hingerissen von dem Deckenfresko eines Tiepoloschülers. Fünf Minuten vor der Eröffnung ist seine Arbeit installiert: ein Deckenfresko im Restaurant, gewidmet den früh verstorbenen Rockidolen der sechziger Jahre.

Ein neuer Raum wird angemietet, ein Raum in der Mitte geteilt durch eine Wand – ideal für Jan van Munsters „Brainwaves“. In Köln wird der Förderverein „Lo Spirito del Lago“ e.V. gegründet. Erste Präsentation des Kunstobjektes auf der Art Cologne.

Sommer 1999

Der Geist des Sees spricht viele Sprachen.

Patrick Raynaud plant eine Lichtinstallation mit zehn Melkeimern. Wo gibt es die noch? Achtzig Kilometer hinauf in die Alpen führt die Suche.

Das Thema „Il mistero delle donne“ lockt auch Enrico Baj an. Zur Eröffnung der Ausstellung sind „living sculptures“ zu sehen, dargestellt von seinen zwei attraktiven jungen Assistentinnen.

Sommer 2000

„Dov'è la passione?” fragt der Geist des Sees und bringt zwei weitere Künstlerinnen auf die Insel. Gloria Friedmann reist per Flugzeug an und zaubert mit dem Inhalt eines einzigen Koffers ihre Installation im Garten.

Karen Kuballa kommt mit einem Transporter, und ihre beiden großformatigen Arbeiten müssen einzeln über den See gefahren werden. Das erste Buch über das Projekt entsteht.

Sommer 2001

„Lo voglio diverso“. Die Eröffnung der Ausstellung Anfang Juli wird zu einer legendären Veranstaltung. Live-Musik und Performances begeistern den Geist des Sees und rund einhundert geladene Gäste.

Yvonne Goulbier setzt magische Lichteffekte, Adrian Schoormans Fotos irrealer Realitäten spiegeln das Flimmern des Sonnenlichtes auf dem See. Gründung des italienischen Fördervereins in Stresa.

Sommer 2002

„Hic sunt leones“. Isola Bella, weltberühmt, vielbesungen, millionenfach fotografiert und gefilmt – Isola Bella ist auch terra incognita. Wer ist der Geist des Sees?

Martin Noël und Klaus Schmitt gehen mit Pinsel und Farbtopf über die Insel und markieren die Grenzen „ihres“ Territoriums nach Löwen-Art. Eine Bestie ist die Isola Bella.

Hinter der Fassade Geschichten von Rivalitäten und Machtkämpfen, von ungesühnten Morden, von Knochenfunden im Palastgarten, Kannibaleninsel wurde sie früher genannt. Gefährlich dem, der ihr zu nahe kommt. Verletzungen an Körper und Seele.

Aber ist die Bestie schön?

B. Kahle