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Floating Piers:
Der Ausflug mit unserem Förderverein

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Floating Piers (2016):
Der Ausflug mit unserem Förderverein

Freitag 01.07.2016, 7:45 Uhr. Ich gehe zum Hafen zu unserem Treffpunkt für die Fahrt zum Christo-Event im Iseosee.
07:48 Uhr. Die ersten Mitfahrenden kommen dazu, frisch und munter, ich bin entzückt.
07:50 Uhr. Der Bus rollt an. Ich bin noch mehr entzückt.
07:55 Uhr. Alle sind da, ich hole den Busfahrer aus dem Café, Oscar heißt er.
08:00 Uhr. Abfahrt. Niemand fehlt, keiner ist zu spät gekommen, was für ein wunderbarer Start zu dieser Exkursion, die für mich als Organisatorin bereits im März begonnen hat.

Recherche im Internet: Erst mal herausfinden, in welchem Ort am Iseosee das Event stattfinden wird. Okay, Sulzano. Wo ist das? Landkarten gucken. Ende März finde ich eine erste Webseite zum Thema. Aber zu den „Floating Piers“ heißt es: Webseite im Aufbau.

08:30 Uhr. Die ersten Fragen: Wie lange dauert die Fahrt? Drei Stunden. Können wir unterwegs mal Halt machen? Ich rede mit Oscar. Er sagt, dass er die Fahrt schon mal gemacht hätte und beruhigt mich. An der Raststätte Soundso gibt es eine Pause. Gut. Ich döse in meinem Sitz. Der Bus ist klimatisiert, fast ein wenig zu stark. Frage: Es ist kalt, kann man die Klimaanlage herunter drehen? Ich rede mit Oscar. Er sieht mich ungläubig an und sagt ja.

Mitte April finde ich Hinweise zu den Parkmöglichkeiten in Sulzano: es gibt keine. Man muss in anderen Orten parken. Die nächstbeste Möglichkeit für uns: Iseo. Ziemlich weit weg. Wie kommen wir von dort nach Sulzano? Gibt es Shuttlebusse? Eher nicht. Eisenbahn? Mit 30 Personen? Eher nicht. Linienschiff? Die haben feste Abfahrtzeiten, geht auch nicht. Ich finde einen Link zu einem Taxibootunternehmen und schicke eine Anfrage. Nach geschätzten zweihundert Mails habe ich uns ein Boot reserviert. Der Preis ist verrückt. Aber inbegriffen ist eine Rundfahrt über den See von anderthalb Stunden. Wunderbar!

10:30 Uhr. Der Bus biegt in eine Raststätte ein. Alle wuseln in Richtung Cafeteria. Auch Oscar. Er braucht einen Kaffee. Ob ich so lange auf den Bus aufpassen könnte? Klar doch. Ich stehe eine Viertelstunde in der Vormittagshitze und warte.

Ende April ist die Webseite des Ortes Iseo online. Jetzt schnell einen Parkplatz reservieren. Er trägt die verheißungsvolle Nummer 02, klingt, als ob ich früh dran wäre. Vielleicht ist der Parkplatz nah am Hafen? Einen Bus brauche ich natürlich auch noch. Ich beginne im Internet nach einem Busunternehmen zu suchen. Drei werden angeschrieben, eines antwortet. Das Angebot ist akzeptabel, gebucht.

Nach drei Stunden erreichen wir das Dorf Iseo. Vorher geht es durch die Hügel der Franciacorta, ein berühmtes Weinanbaugebiet. Der Ausläufer des Lago d´Iseo begleitet uns auf den letzten Kilometern. Oscar wird unruhig und möchte die Unterlagen für den Parkplatz sehen. Am Ortseingang ist schon der erste für Busse reservierte Platz. Nach Studium der Dokumente bedeutet man uns, weiter zu fahren. So geht es dreimal, bis – Oscar kann es nicht fassen – wir tatsächlich auf dem zum Hafen nächstgelegenen Platz landen. Super! Vorher hat Oscar noch bei der Kommunikation mit dem Taxibootunternehmen geholfen: Wo fährt das Boot ab? Ich bekomme vage Angaben. Am Hafen von Iseo drängeln sich Menschenmassen. Aufgeregte Helfer rennen hin und her und geben auf meine Frage nach dem Taxiboot unterschiedliche Antworten. Also muss Friedrich rechts gucken gehen und ich links. Kurz bevor alle einen Sonnenstich bekommen, winkt er hektisch aus der Ferne: Gefunden!

Das Taxiboot ist fast so groß wie die Cornetti, die Linienschiffe, die auf dem Lago Maggiore zwischen den Inseln verkehren. Ein Angestellter fragt mich, ob noch ein paar andere Leute mitfahren können, es wäre ja noch Platz. Das Boot hat 60 Sitzplätze, wir sind 32 Personen. Ja klar, wie viele? Ach, so zwanzig bis dreißig. Also wollen sie das Boot vollstopfen. Abgelehnt. Mir ist ein Boot nur für uns zugesichert worden. Nur eine Familie mit Kleinkindern darf noch mit. Die Taxibootleute sind sauer. Aber jetzt geht es los. Und schon wieder ein Problem: wir können nicht nach Sulzano fahren, denn der Andrang an den Floating Piers ist so groß, dass die Organisatoren die Besucher nur noch schubweise gehen lassen. Wartezeit: Zwei bis drei Stunden. Also direkt zur Insel Monteisola. Die zugesagte Rundfahrt fällt flach. Dafür aber erklärt der Kapitän mit Megaphon in italienischem Englisch, wer Christo ist. Kurz vor der Anlandung sehen wir ein großes Schiff an den Stegen entlang fahren, der Kapitän schreit: „There is Christo, on top of the ship!“ Er hupt wie verrückt, die Mannschaft winkt und ruft, und tatsächlich dreht sich ein kleiner weißhaariger Mann im rosa Hemd um und winkt zurück!

Am Nachmittag vor der Fahrt erreicht mich ein Anruf des Busunternehmers: Man wüsste nicht, ob wir die Fahrt antreten wollten, es wäre ja noch nicht bezahlt. Horror! Ich gebe hektisch alle Daten der Überweisung durch, schicke eine Mail, bitte um sofortige Bestätigung. Nach zwei bangen Stunden kommt die Entwarnung: alles klar, der Bus kommt.

Am Anlegesteg der Insel ist Stau. Die Boote entladen und laden im Minutentakt. Endlich können wir aussteigen. Es ist Mittag, die Sonne brennt, keine Wolke in Sicht. Ich schaffe es knapp, Abfahrtsort und Uhrzeit zu bestimmen, der Gruppe mitzuteilen, und auf einmal bin ich allein zwischen Tausenden. Alle von der Gruppe sind davon gestürmt. Ich gucke nach unten. Ja, da stehe ich auf einem unfassbar schmutzigen, ehemals dunkelgelben Stoff, der so viele Falten wirft, dass man aufpassen muss, nicht zu stolpern und auf die Nase zu fallen. Um mich herum schlendern die Menschen mit Kinderwagen, Kindern, Hunden, Rollstühlen, alle wirken sehr entspannt. Also mache ich mich auch auf den Weg, die kleine Insel zu umrunden wäre ja ganz nett. Nach 50 Metern sagt mein Körper, dass er Schatten braucht. Keine Chance. Das Dorf liegt nach Süden. Aber vielleicht kann ich durch die Gassen gehen? Im Schatten der Hausmauern? Aber diese Idee hatten schon Hunderte vor mir. Jede Treppenstufe, jeder Hauseingang dient als Ruheplatz. Es ist so heiß, dass ich jeden Gedanken, die Piers zu begehen, aufgebe. Schatten! Gibt es nicht. Irgendwann lande ich wieder irgendwo am Ufer, da stehen neben den mobilen Toiletten ein paar kleine Olivenbäume. Einer ist noch frei. Ich gucke erschöpft auf diese friedliche Masseninvasion, und dann habe ich eine Idee: Liesel, Organisatorin von Kunstreisen, residiert im einzigen Hotel auf der Insel. Sie fährt am Nachmittag ohnehin mit uns zurück nach Stresa. Also SMS schicken. Bist du noch im Hotel? Kann ich kommen? Ja!

Nach 10 Minuten stehe ich vor dem Hotelaufgang, der von einem Bodyguard bewacht wird. Und dann kommt mein Rettungsengel, nimmt mich mit auf eine schattige Terrasse über dem See, bestellt mir Wasser, Kaffee und etwas zu essen. Ein Traum! Von hier aus sieht man keine Menschen mehr, keine gelben Stoffbahnen, es ist so ruhig. Das wird für die verbleibenden zwei Stunden mein Refugium.

Letzte E-Mail-Aktion und vielleicht die wichtigste: Handynummern sammeln! Vom Busunternehmer, vom Chauffeur, vom Taxibootunternehmer und auf der Bootsfahrt noch die vom Kapitän, man weiß ja nie.

Eine Viertelstunde vor der Abfahrt müssen wir unser kleines Paradies verlassen und uns zum Anlegesteg schieben. Der wird von einem genervten Signore in Uniform bewacht. Jetzt heißt es, die Gruppe zusammen zu halten. Alle sind da. Ach, Ursula fehlt. Ich bitte die Mitfahrer, nach ihr Ausschau zu halten. Den Uniformierten frage ich nach meinem Boot. Taxi? Nein, anderer Steg, hier parken nur die Linienschiffe. Aber man hat mir gesagt, dass wir hier abfahren, wende ich ein. Der Mann wird recht böse. Und keine Ursula in Sicht. Sie hat einen roten Taschenschirm gegen die Sonne mit, weiß jemand. Und so höre ich jetzt ständig:“ Da ist die Schweizerin!“. Aber alle roten Schirme werden zu hoch getragen, das kann sie, die klein und zierlich ist, nicht sein. Mir fällt ein, dass ich die Nummer vom Schiffskapitän habe. Der schreit mir ins Ohr: „Sono il più grande capitano del lago!“. Aha. Ich soll Ruhe bewahren, sie wären schon da, zwei Minuten noch. Tatsächlich. Als das Linienschiff ablegt, tuckert ein anderes heran, das genauso aussieht, aber ich erkenne die Mannschaft von der Hinfahrt.

Doch Ursula fehlt. Der Uniformierte will uns nicht auf den Steg lassen, ich bedeute den Anderen, einfach um ihn herum zu gehen. Ich schwitze. Kann ich Ursula zurück lassen? Nein. Und da, im letzten Moment, wir sollen abfahren, sehe ich in der Menschenmasse einen kleinen roten Schirm, recht niedrig gehalten. Lächelnd kommt sie und fragt mit ihrem normalerweise niedlichen Schweizer Akzent: „Ich bin doch nicht zu spät?“ Mit Vollgas geht es zurück nach Iseo auf der direktesten Route. Die wollen uns nur noch loswerden und eine neue Fuhre aufnehmen – hoffentlich mit besserer Auslastung. Bezahlt wird in bar, Quittung gibt´s nicht. Da die Summe ungerade ist, will ich etwas aufrunden, aber der Kapitän rundet ab und schenkt mir damit einige Euro. Ich bin sprachlos. Das habe ich noch nie erlebt.

Am Hafen kontaktiere ich den Busfahrer. Wir sind gut in der Zeit. Auf dem Weg zum Busparkplatz kommt die Gruppe auf einmal ins Stocken. Da ich hinten gehe, falle ich gegen die Leute vor mir. Was ist los? Ein Unfall? Jemand krank? Panik. Und dann kommt die Meldung, dass wir gerade an einer Gelateria vorbei gehen, da konnten Einige nicht widerstehen. Natürlich tritt jetzt der berühmte Nachahmungseffekt ein. Oder sind es die Spiegelneuronen? Alle holen sich schnell ein Eis. Wenn das 30 Leute auf einmal wollen, ist die Eisdiele voll und es dauert. Während die Ersten schon schleckend und kleckernd weiter gehen, sind die Letzten noch gar nicht dran, Hoffentlich wissen sie, wie wir gehen müssen, abbiegen, Straßenseite wechseln, um ein Rondell herum… wie ein Hütehund sause ich von hinten nach vorn und umgekehrt. Bloß niemanden verlieren! Bis zum Parkplatz müssen wir aber nicht mehr laufen, mein freundlicher Oscar hat den Bus schon heraus geholt und ist uns entgegen gekommen. Er reicht einigen Damen noch Erfrischungstücher, damit sie sich das geschmolzene Eis von den Fingern wischen können, und dann geht es los. Klimaanlage auf Maximum bitte! Die Rückfahrt verläuft ruhig.

Bei der obligatorischen Raststättenpause bewache ich wieder den Bus und warte stoisch in der Nachmittagshitze, bis auch die Nachzügler heran geschlendert sind. Am längsten muss ich diesmal auf Oscar warten, aber ohne den geht es ja nun gar nicht. Auf den letzten Kilometern überschlage ich, ob wir vor dem Abendessen vielleicht noch nach Hause können, umziehen, duschen. Ist nicht drin. Pünktlich um zwanzig nach Acht sind wir in Stresa. Jetzt schnell ins Restaurant. Die warten und sind bestimmt schon maulig. So ist es. Aber das ist eine andere Geschichte.

Birgit Kahle 2016